Wein, Obst und der Kalterer See

Kalterer See Weinberge

Müde, aber glücklich komme ich von meinem Ausflug auf den Piz Boe zurück. Ich genieße einen köstlichen Kaffee im Heck meines kleinen Campers und blicke dabei in die Ferne. Der Wind auf der Passhöhe ist kühl und sobald die Sonne hinter einer Wolke oder einem Berg verschwindet, fällt die gefühlte Temperatur rapide ab. Deshalb entscheide ich mich zurück zu meinem Ausgangspunkt ins Tal nach Canazei zu fahren. Als ich in Canazei eintreffe, ist die Sonne endgültig verschwunden. Der kleine Ausschnitt des Himmels, den die Berge im Tal freigeben, ist mit tiefgrauen Wolken verhangen. Während ich mit meinen Renault „Ruby“ auf dem nächsten Parkplatz anhalte, fallen die ersten Regentropfen auf meine Frontscheibe. Der Regen war eigentlich schon deutlich früher gemeldet und ich bin froh, dass ich die Bergtour heute morgen sehr früh gestartet habe. Um herauszufinden, wie lange es regnen wird und wie das Wetter in den kommenden Tagen wird, schaue ich in die Wetter App. Der kleine Handy-Bildschirm verkündet mir im Vergleich zu gestern eine nahezu aussichtslose Situation. Wo gestern für die kommenden Tage noch abwechselnd Sonne und Wolken gemeldet waren, zeigt die App jetzt Regen- und Gewitterwolken. Die neue Erkenntnis bringt mich in eine schwierige Situation. Ich bin hier um zu wandern und Berge zu besteigen. Bei Gewitter ist das allerdings eine denkbar schlechte Idee. Ich habe mir wunderbare Routen herausgesucht und nach dem Piz Boe bin ich richtig auf den Geschmack gekommen. Soll meine Dolomiten-Tour nach einem Berg bereits enden?

Ich ziehe den Joker „Campervan

 Ich sitze auf dem Fahrersitz und schaue in die Himmel. Die dicken Regentropfen fallen in regelmäßigen Abständen mit einem dumpfen Geräusch auf das Autodach. Ich will hier nicht weg, aber bei Regen sind die Möglichkeiten im kleinen Canazei begrenzt. Außerdem fallen gleichzeitig die Temperaturen. Nachts wird es sicher richtig ungemütlich. Ich bin hin- und hergerissen. Am Ende entscheide ich mich den Joker meines mobilen Reisegefährts zu ziehen und fahre der Sonne hinterher.

Stück für Stück entferne ich mich aus den Dolomiten und nach dem Bergmassiv „Rosengarten“ werden die Berge deutlich flacher. Das Wetter hingegen wird mit jedem gefahrenen Kilometer besser. Schon bald reist die Wolkendecke auf und die Sonnenstrahlen erhellen den grauen Himmel. Im Rückspiegel ist es tief grau und vor mir ist ein strahlend blauer Himmel, ein kurioser Anblick, aber dieses Bild bestätigt meine Entscheidung.

Die Straße führt durch Täler und außer ein paar Kreisverkehren, geht sie immer gerade aus. Je weiter ich aus den Dolomiten herausfahre, desto breiter wird das Tal. Statt steilen Berghängen bestimmen Obstplantagen die Landschaft. Große rote Äpfel und Weintrauben hängen an den Sträuchern und schimmern in der Nachmittagssonne.

Nach nur 90 Minuten Fahrt treffe ich am Kalterer See ein. Hier erwarten mich laut Wetterbericht in den nächsten beiden Tagen 28 Grad und Sonnenschein. Und da heute Sonntag ist, erwarten mich hier auch hunderte Menschen. Ich bin erschlagen vom Touristenauflauf am See und überlege kurz, den Regen in Canazei diesem Gedränge vorzuziehen und den Rückwärtsgang einzulegen. Nach der langen Bergtour und der Autofahrt bin ich allerdings viel zu erschöpft um noch weiter oder sogar den ganzen Weg zurück zu fahren. Letztendlich finde ich einen Campingplatz am Anfang des Sees. Der Platz liegt etwas außerhalb und hier ist deutlich weniger Trubel. Ich zeige dem Campingplatzbesitzer meinen kleinen Camper „Ruby“. Obwohl der Platz eigentlich voll belegt ist, bekomme ich von ihm einen fairen Preis für meinen PKW und darf auf der Wiese für die Zelte stehen. Der Stellplatz ist leicht schräg aber damit kann ich leben.

Eine erfrischende Abkühlung

Mittlerweile ist es spät am Nachmittag und ich freue mich erstmal auf eine erfrischende Abkühlung im See, der genauso blau schimmert wie der wolkenlose Himmel. Vom Holzsteg aus springe ich in das flache Gewässer, dessen Temperatur genau richtig ist, um erfrischt zu werden, aber nicht als Eiswürfel wieder hinaus zu steigen. Der See ist sehr flach und an der tiefsten Stelle nur ungefähr 5 Meter tief. Dadurch ist er einer der wärmsten Badeseen der Alpen. Besonders in der Nebensaison bietet er dadurch Reisenden angenehme Temperaturen zum Baden.

Ich schwimme ein paar Bahnen durch den See und die Strapazen vom Vormittag sind vergessen. Ich beobachte vom Wasser aus die Weinberge und Obstplantagen, welche die steilen Hänge am Ufer schmücken. Der See liegt ganz ruhig da und hat beinah keine Wellen. Rund um den Steg tummeln sich zahlreiche Karpfen, die beachtliche Abmessungen haben.

Am Hang gegenüber entdecke ich eine Ruine. Ich begeistere mich schon immer für alte Bauwerke, ob von den Römern oder aus dem Mittelalter und deshalb nehme ich mir für den nächsten Tag eine Wanderung zu dieser Burg vor.

Weinberge und die Leuchtenburg

Den Morgen gehe ich heute gelassen an. Nach einem kräftigen Frühstück und einem halben Liter Kaffee packe ich gemütlich meinen Wanderrucksack. Die Sonne scheint, der Himmel ist strahlend blau und die Temperaturen sind sommerlich. Bevor die Wanderung starten kann, klebe ich noch sämtliche Blasen am Fuß ab. Die neuen Wanderschuhe haben hier ihre Spuren hinterlassen.

Der Weg führt durch die Weinreben am Ufer des Sees. Das Wasser ist dabei immer ein gutes Stück entfernt, aber die Obstplantagen und die Reben vermitteln eine mediterrane Stimmung.

Nach der Umrundung des Sees geht es am Gasthaus „Klughammer“ zur Burg hinauf. Ein Stück noch begleiten mich die Weinreben und rahmen einen wundervollen Blick auf den See.

Danach verschwindet der Pfad im Wald. Der Schatten kommt genau zur richtigen Zeit, denn die Sonne brennt in den Weinbergen erbarmungslos von oben herab. Im Wald ist es still, ich höre nur das dumpfe Geräusch meiner Schuhe, die auf den weichen Waldboden treffen. Ab und an raschelt es im Laub und eine Eidechse ergreift die Flucht ins Unterholz.

Kurz vor der Burg lichtet sich der Wald zum ersten Mal und gibt einen schönen Blick in das Tal auf der anderen Seite und die Dolomiten-Straße frei. Über diese Straße bin ich gestern aus Canazei gekommen. Soweit ich blicken kann, gibt es nichts anderes als Weinreben und Obstplantagen, die so akkurat gepflanzt sind, dass die gesamte Landschaft dadurch aufgeräumt und geordnet wirkt. Lediglich der Fluss in der Mitte durchbricht diese Struktur und bringt etwas natürliches in die strukturierte Landschaft.

Einen kurzen Moment frage ich mich, was Menschen, die in nicht so fruchtbaren Gebieten dieser Erde leben, anpflanzen würden, wenn sie diese Bedingungen hätten. Oben auf der Burg habe ich endlich den Blick auf den See und die Stadt Kaltern. Ich verweile eine Zeitlang auf der Burgmauer und genieße die Aussicht. Die Burg bietet einen Ausblick in drei Richtungen.

Die alten Steine des Gemäuers dienen auch hier den Eidechsen als Unterschlupf. Die Burg selbst enttäuscht mich ein wenig. Der Bergfried wirkt verschlossen. Der einzige Zugang scheint über die hohen Mauern zu führen. Dass Besucher diesen Weg wählen, ist sicherlich nicht erwünscht und so verzichte ich auf die Kletteraktion. Der Burghof ist mit dichten Sträuchern bewachsen. Lediglich ein schmaler Pfad entlang der Burgmauern ist begehbar und mündet unter dem Fahnenmast. Die große rot-weiße Fahne streift immer wieder über die hohen Sträucher. Das Knacken der Seilsicherung, die bei Wind an den Fahnenmast schlägt, durchbricht in regelmäßigen Abständen die Stille hier oben auf der Leuchtenburg.

Der Abstieg erfolgt auf demselben Weg. Als ich aus dem Waldstück heraustrete, ist ein Winzer gerade bei der Ernte und auf seinem Anhänger türmen sich Berge von dunkelroten Weintrauben.

Entspannen, Genießen und Schreiben

Als ich wieder am See bin, gönne ich mir noch eine Abkühlung und liege für den Rest des Nachmittags auf dem Holzsteg. Für Holzstege, die weit ins Wasser reichen, habe ich auch eine ganz besondere Leidenschaft. Ich finde die Verwendung des Materials Holz für Sitz- oder Liegeflächen optimal.

Kurz bevor ich auf dem Steg einschlafe, verschwindet die Sonne hinter dem Berg und mein Magen knurrt: Zeit fürs Abendessen. Da ich keinen Supermarkt auf dem Weg gefunden habe, muss ich auf Konserven zurückgreifen. Ich ergänze diese mit einer Portion Pommes vom Restaurant des Camping-Platzes. Den Abend lasse ich bei einem kühlen Getränk im Restaurant des Campingplatzes ausklingen und nutze die Ruhe, um diesen Bericht zu schreiben. Wenn es dunkel wird, kommen die Schnaken aus ihrem Versteck. Zum Glück habe ich bei der Wanderung einen Laden gefunden, der Abwehrspray angeboten hat. Nachdem die Schnaken gestern meinen Fuß als Festmahl genommen haben, habe ich heute etwas Ruhe. Ich denke acht Stiche an einem Fuß reichen auch.

Nachdem ich den Bericht beendet habe, ziehe ich mich in meinen Camper zurück und plane die weitere Reise. Gute Nacht!

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