Mit dem Rennrad durch die Vogesen

Rennrad Vogesen Grand Ballon

Der Monat Mai bietet mit seinen vielen Feiertagen eine optimale Grundlage, um wiedermal ein paar Tage die gewohnte Umgebung zu verlassen und etwas Neues zu entdecken, den Alltag zu entschleunigen und der Natur näher zu kommen. Natürlich nutze ich viele dieser Brücken- und Feiertage, um die Arbeiten am Defender voran zu treiben. Es ist jedoch sehr wichtig, nicht aus den Augen zu verlieren, wofür die ganze Arbeit eigentlich dient: „dem Reisen!“

Ich hatte in den letzten Wochen bei den Arbeiten am Land Rover sehr viel Unterstützung durch meinen Kumpel Philipp. Und jetzt ist es an der Zeit, etwas zurück zu geben. Ich überrumpele ihn mit einer Einladung zu einem Roadtrip, das Ziel darf er sich natürlich aussuchen.

Ein paar Tage überlegen wir uns mögliche Ziele und einigen uns sehr schnell auf möglichst viel Natur und Bewegung, sowie eine andere Sprache und eine etwas andere Kultur. Da wir beide gerne Rennrad fahren, entscheiden wir uns für die Vogesen, ein Mittelgebirge im Osten Frankreichs. Die Strecke ist in knapp 4 Stunden fahrbar. Wir beladen „Ruby“ mit dem nötigsten an Verpflegung, montieren den Fahrradträger und dann geht es auch schon los.

Als wir in den Vogesen eintreffen ist es tiefste Nacht. Die Fahrt war sehr angenehm, trotzdem sind wir müde und fahren einen der vielen „Ausflugsparkplätze“ in den Vogesen an. Wir befinden uns am Fuß des Berges „Col de la Schlucht“, dieser soll morgen unsere erste Herausforderung mit dem Rennrad werden. Am nächsten Morgen werden wir vom prasselnden Geräusch des Regens auf dem Autodach geweckt. Ernüchtert öffnen wir die Autotüren und erkunden erst mal die nähere Umgebung. Auf der anderen Straßenseite befindet sich der „Lac de Longemer“. An dessen Ufer gibt es ein Kiosk und die Möglichkeit Tretboote auszuleihen. Aufgrund des Wetters und der frühen Morgenstunde ist allerdings noch alles geschlossen. Wir beschließen erst mal in Ruhe zu frühstücken und auf einen Wetterwechsel zu warten.

Mit dem letzten Schluck Kaffee hört der Regen auf und wir entscheiden uns für einen Standortwechsel, um vor dem Berg ein wenig „Aufwärmphase“ zu haben. Wir fahren mit dem Auto ein paar Kilometer zum nächsten See dem „Lac de Geradmer“. Wir parken im kleinen Ort „Ramberchamb“ und streifen uns unsere Radklamotten über. Die Fahrt beginnt mit der Umrundung des Sees und einem Stück Landstraße bis an den Fuß des „Col de la Schlucht“. Kurz vor dem Anstieg blödeln wir mit kleinen Zwischensprints herum. Ob uns das Lachen noch vergehen wird?

Der Anstieg zum „Col de la Schlucht“

Die Straße führt uns durch einen Mischwald aus Tannen und Laubbäumen. Neben dem feuchten aber frischen Duft des Waldes, fallen besonders die unterschiedlichen Grüntöne von Nadel- und Laubbäumen ins Auge. Wir sind beide vom niedrigen Verkehrsaufkommen überrascht und nutzen die seltene Möglichkeit nebeneinander fahren zu können. Die Bäume geben immer wieder kurze Blicke auf den See frei und so merken wir, dass wir an Höhe gewinnen. Auf der linken Seite begleitet uns die karge Felswand, von der immer wieder kleine herausgebrochene Teile auf der Straße liegen. Auf der anderen Seite ist der mit Bäumen bewachsene Abhang, von dem uns zeitweise nur ein schmaler Grünstreifen trennt. Der Berg steigt gleichmäßig an und so finden wir schnell einen guten Rhythmus, der uns Serpentine für Serpentine der Passkuppe näher bringt. Begeistert durchfahren wir in den Fels geschlagene Torbögen.

Dass wir uns langsam der Marke von 1.000 Höhenmetern nähern, merkt man besonders am Abkühlen der Luft. Der überwiegend gute Fahrbahnbelag weicht kurz vor Schluss einer Art verdichtetem Splittbett, die Reifen halten dem rauen Geläuf stand und wir erreichen erleichtert die Passkuppe des „Col de la Schlucht“. Bei einer kurzen Pause diskutieren wir die weitere Strecke, runter nach „Colmar“oder zum „Lac Blanc“? Oder vielleicht doch dritt-höchste Berg der Vogesen, der „Le Hohneck“?

Der Berg ruft

Da wir es schon auf über 1.000 Höhenmeter geschafft haben, lockt es uns natürlich, die restlichen 200m Höhe auf den „Le Hohneck“ zu bezwingen. Folglich entscheiden wir uns für den bekannten Berg und ich darf vorweg nehmen – das sollten wir nicht bereuen!

Die Straße steigt zunächst langsam an und wir witzeln bereits über den „dritt-höchsten Berg“ der Vogesen. Dieser antwortet mit fast einem halben Meter hohen Schneefeldern auf der schattigen Hangseite. Nach dem eher erholsamen Anstieg wird es urplötzlich richtig steil. Eine schmale Gasse zur Bergspitze knickt nach links ab. Der Gipfel ist bereits in Sicht, Bäume sucht man auf dieser Höhe vergebens.

In Luftlinie gemessen, trennen uns nur noch wenige Meter von der Bergspitze, aber die Serpentinen kennen keine Gnade. Spätestens nach der Hälfte der Strecke fangen die Oberschenkel und Waden an zu brennen. Die offene Graslandschaft zeigt stets die Strecke, die noch vor uns liegt. Am Anstieg treffen wir auf eine französische Radgruppe, auch ihnen setzt der Anstieg merklich zu. Mehrmals müssen wir den Sattel verlassen, um die steilen Abschnitte zu fahren. Auf dem Berg werden wir und die Franzosen anerkennend von Wanderern mit Beifall und „Allez Allez“ Rufen angefeuert und empfangen. Für einen kurzen Moment fühlen wir uns ein bisschen wie bei der Tour de France. Doch die Unterstützung hilft das letzte steile Stück zu überstehen.

Oben angekommen drehen wir uns zum ersten Mal um. Ein atemberaubender Ausblick ist die Belohnung für die Qualen der letzten Stunden. Wir entdecken den „Lac de Longemer“, an dem wir heute Mittag den Anstieg begonnen hatten. Uns beiden wird jetzt bewusst, welche Höhe wir überwunden haben. Wir genießen kurz die Aussicht und fahren weiter, ein Denkfehler soll uns später noch zum Verhängnis werden.

Wenn der Kopf dir einen Streich spielt, müssen es die Beine ausbaden

 Wir nehmen eine wundervolle Abfahrt auf einem einspurigen asphaltierten Waldweg. Die Straße bietet neben einem guten Belag auch 180 Grad steile Kurven. Wir kreuzen kleine Bachläufe, die teilweise nicht unter, sondern über die Straße laufen. Die Straße führt uns in den Ort „Le Bresse“, der ein ganzes Tal für sich einnimmt. Im Tal angekommen fühlen wir uns auf dem Heimweg. Jetzt noch durch den Ort und dann fahren wir locker im Tal die 12 Kilometer nach „Geradmer“. Doch als die Straße zum „Lac de Geradmer“ abzweigt, wird uns schlagartig bewusst, dass zwischen diesen beiden Orten ein relativ hoher Berg liegt. Durch die Häuser sehen wir immer wieder Ausschnitte der Passstraße aufblitzen. Das wird nochmal ein hartes Stück Arbeit: Hatte der Kopf den Beinen doch schon etwas von „hochlegen“ und „entspannen“ erzählt. Es ist uns beiden jetzt anzumerken, dass wir uns quälen. Die Gespräche werden auf Durchhalteparolen minimiert. Jetzt heißt es: kämpfen, seinen Kopf und sich selbst bezwingen! Das Adrenalin setzt noch einmal letzte Kräfte frei. Ein Blick auf die drehenden Pedalen und einen ehemaligen Weltklasse- Torhüter im Ohr, der ständig sagt „weiter, immer weiter“, lassen uns erschöpft und glücklich die Kuppe erreichen. Diesmal haben wir es wirklich geschafft, da ist vor uns der See.

Dusche und Spaghetti Al’Olio

Gestern nach der Radtour sind wir abends auf einen nahegelegenen Campingplatz gefahren. Neben einer ausgiebigen warmen Dusche war das „Spaghetti Al’Olio“, welches wir im Heck des kleinen Campers gekocht haben, der perfekte Abschluss!

Für den heutigen Tag nehmen wir uns den höchsten Berg der Vogesen vor, den „Grand Ballon“. Wir planen eine kürzere Tour, dafür aber mit ordentlichen Höhenmetern. Nach dem Frühstück fahren wir zum „Lac de Kruth-Wildenstein“. Der Stausee bietet gute Parkmöglichkeiten und von hier aus werden wir die Aufgabe in Angriff nehmen.

Die ersten Meter fahren wir am See entlang und der harte Rennradsattel fühlt sich an wie ein Nadelkissen. Ungefähr in der Mitte des Sees geht die „D27“ links ab und schon auf den ersten zurückgelegten Metern wird klar: Dieser Berg wird sich nicht so leicht erklimmen lassen. Nach einer knackigen Anfangsphase flacht die Steigung etwas ab, dennoch geht es permanent bergauf. Immer wieder fällt auf, dass der Tannenwald am Straßenrand teilweise so dicht gewachsen ist, dass es kaum ein Sonnenstrahl zum Boden schafft. Auf der offenen Straße spüren wir jedoch, wie die Sonne permanent auf uns herab brennt. Die Schilder am Straßenrand zeigen immer wieder die Höhenmeter an und, obwohl wir schon lange unterwegs sind, merken wir, dass bis zu den 1.325m noch einiges fehlt.

Der Wald lichtet sich

Kurz nachdem wir die 1000m Marke passiert haben, lichtet sich der Wald und gibt einen beeindruckenden Blick ins Tal frei. Es fühlt sich wie eine Belohnung für die geleistete Arbeit an. Wir stoppen unsere Fahrt an diesem Punkt und lassen uns verfrüht zu einem Jubelfoto hinreisen.

Auf der Weiterfahrt umrunden wir zunächst eine Bergspitze. Wo hier die restlichen 300 Höhenmeter versteckt sein sollen, ist uns zu diesem Zeitpunkt ein Rätsel. Mehrfach fahren wir weite Kurven auf fast ebener Strecke und allmählich wird uns klar, dass der „Grand Ballon“ viel weiter hinten im Bergmassiv liegt als wir zunächst dachten. Nachdem wir eine Rodelbahn gekreuzt haben, taucht vor uns ein großer Berg auf. Ist das der „Grand Ballon“?

Gegenwind, Kälte und ein steiler Anstieg

Nein, dieser Anstieg ist noch nicht der ersehnte Berg. Dennoch müssen wir diesen Weg überwinden. Die Strecke führt durch offene Wiesen, der Wind bläst uns auf dem Berggrat eiskalt ins Gesicht und erschwert die Fahrt zusätzlich. Wir trotzen dem unangenehmen Klima und dann sehen wir auch endlich den „Grand Ballon“ mit seiner Radarstation. Wir wägten uns bereits deutlich näher am Gipfel. Der Weg führt uns zunächst auf den Bergrücken und dann wird die Rampe richtig steil und der kalte Wind wird immer stärker.

Wir müssen uns auf den letzten Metern nochmal richtig quälen und dann passieren wir das Schild, welches den „Grand Ballon“ kennzeichnet. Leider können wir den richtigen Gipfel nicht mit dem Rad erreichen, aber selbst von hier haben wir einen tollen Blick in die Rheinebene und den Schwarzwald. Bei Wurst und Brot genießen wir die Aussicht. Leider wissen nicht alle Menschen das Geschenk der Natur zu würdigen und nutzen diesen wunderschönen Berg wie einen Abfalleimer. Da es bereits spätnachmittags ist, beschließen wir die gleiche Strecke zurückzufahren. Eine 23 km lange Abfahrt liegt vor uns und unterwegs sind wir beide schon ein bisschen stolz, diesen Anstieg bewältigt zu haben.

Nach dem Triumph über den „Grand Ballon“ schlagen wir unser Nachtlager an einem kleinen See oberhalb von „La Bessia“ auf. Wir sind nicht die einzigen Camper hier und lassen den Abend am See ausklingen. Als Dusche muss heute eine Flasche Wasser ausreichen.

Entschleunigung beim Wandern

Beim Aufwachen stürmt es vor den Türen des kleinen roten Campers. Wir beschließen das Frühstück ins Tal zu verlagern und finden eine saftig grüne Wiese, die komplett in der Sonne liegt. Als Abschluss unserer mehrtägigen Tour starten wir eine kleine Wanderung auf dem Höhenzug des „Le Hohneck“. Auf der Radtour hatten wir in dieser Gegend noch viele Schneefelder gesehen und der Reiz, im Mai durch Schnee zu laufen, lockte uns erneut in die Höhe. Wir parken das Auto zwischen „Col de la Schlucht“ und dem „Le Hohneck“. Über den „Le Hohneck“ gelangen wir in die Schneefelder. Diese hängen an den schattigen Seiten des Berges und sind oftmals noch deutlich über 1m hoch. Wir halten uns am Rand des weißen Feldes, um es nicht ins Rutschen zu bringen. Von oben strahlt und wärmt die Sonne, von unten kühlt und nässt der Schnee und das Eis, eine sehr interessante Kombination. Der Wind ist auch heute wieder sehr stark und so müssen wir uns phasenweise anschreien, um den anderen zu verstehen. In einem gelben Blumenfeld am Hang legen wir eine kurze Pause ein und bewundern die tolle Aussicht.

Wir legen uns für einige Zeit in die grüne Wiese und genießen den Moment der Entschleunigung. Ein Käfer sucht im hohen Gras verzweifelt Halt zu finden. Sein Körpergewicht ist für die dünnen Halme viel zu schwer und so bricht er immer wieder ein. Er wirkt wie ein Betrunkener auf dem Nachhauseweg. Nach ein paar Minuten hat er die Nase voll von seinen Fehlversuchen, breitet die Flügel aus und fliegt laut brummend davon. Nach 12 km Fußmarsch auf der Höhe erreichen wir wieder unser Auto. Einmal schlafen wir noch am See über „La Bresse“, dann ist der kurze, aber wunderschöne Ausflug auch schon wieder vorbei.

4 thoughts on “Mit dem Rennrad durch die Vogesen

  1. Dieser Reisebericht von eurer Radtour ist wieder mal herrlich beschrieben, ich habe direkt Lust bekommen, auch solche Reisen zu unternehmen…. diese Freiheit, die man durch deine Wort spüren kann, habe ich auch vernommen…. wunderschön und wunderbar….
    Danke für den tollen Bericht.

    LG Elva

    1. Es freut mich, dass dir der Bericht gefällt und du dadurch Lust aufs Reisen bekommst. Ich bin gespannt wohin deine nächste Reise gehen wird. Die Vogesen bieten neben den Bergen auch wahnsinnig viele Seen und ich kann diesen Flecken Erde nur empfehlen.

  2. Herrlich! Wenn du jetzt langsam dann halbwegs fit bist, komm ich auch mal mit
    … Späßchen! Schöner Bericht, da bekommt ich richtig Bock auf Radurlaub!
    … Übrigens, war eben am Franky ballern

    1. Hallo Andy,

      in Sachen Fitness hole ich dich nicht mehr ein. 😉

      Schön, dass dir der Bericht gefällt. Ich hoffe wir fahren bald mal wieder zusammen.

      Grüß mir unseren Hausberg an der Burg Frankenstein.

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